Aktualisiert Februar 2026
Die Spanische Grippe wird zu Unrecht als Fußnote des Ersten Weltkriegs behandelt – sie forderte wohl mehr Opfer als beide Weltkriege zusammen.
Covid-19 und der Verlust des Normalen
Die weltweite Krise der COVID-19-Pandemie (2020-2022) hat -wieder einmal-offengelegt, welche gravierenden Probleme und Widersprüche in der gesellschaftlichen Komplexität meiner globalisierten Welt lauern. Staunend musste ich sehen, wie die ‚Normalität‘ sich als das erwies, was sie eigentlich ist: ein Mythos. Zum Glück habe ich aber ein kurzes Gedächtnis und kann mich kaum noch daran erinnern (Drosten/Mascolo, 2024).
Mir war vollkommen klar, welche Gefahr von einem Virus ausgeht, der über die Luft übertragen wird. Trotzdem sprach ich lange Zeit tapfer und unbedarft: „Ich muss keine Masken tragen, das ist nicht erforderlich. Ein wenig Abstand halten genügt!“ Es war klar, warum ich so argumentierte: Ich hatte nicht vorgesorgt und somit nicht genug Masken für alle vorrätig. Und von wegen für alle: Ich hatte noch nicht mal für das medizinische und pflegende Fachpersonal genügend Material vorrätig.
Aus vergangenen Pandemien habe ich nicht viel gelernt. Obwohl ein Gutachten über die Gefahrenlage existiert (RKI, 2013). Darin wird beschrieben, welche dramatischen Folgen eine hoch ansteckende, per Aerosol übertragene Krankheit haben kann. Das Szenario war und ist so bedrückend, dass niemand es wissen wollte. Auf die eindrücklichen Warnungen von Virologinnen und Virologen anlässlich der SARS Epidemie 2002-2003 habe ich ebenfalls nicht gehört.
Das COVID-19 Virus hat mich unvorbereitet erwischt. Ich dachte und denke immer noch: Katastrophenpläne und die Gesundheitsämter vorzubereiten, Vorräte anzulegen, etwa Beatmungsgeräte und Personal vorzuhalten, darum kann ich mich immer noch in Ruhe kümmern – wenn das Haus in Flammen steht. Vorsorge ist nicht meine bevorzugte Strategie. Ich bin daran gewöhnt, dass immer alles da ist.
Auch während der Pandemie, von Welle zu Welle, machte ich keine Lernfortschritte, sondern mit Begeisterung immer wieder dieselben Fehler. Zuletzt war es keine Welle mehr, sondern ein Tsunami, und es starben täglich Hunderte Menschen.
National wie international war es ein Chaos, was die Bewältigung der Pandemie betraf. (The Independent Panel for Pandemic Preparedness and Response, 2021) Erschütternd war das Fehlen einer internationalen Solidarität. Der globale Süden hat angesichts der Pandemie wiedererkannt, was von den Versprechungen der Industrienationen zu halten ist: nichts. Es gab keine patentfreien Impfstoffe; jeder war sich selbst der Nächste (BMZ).
Es ist einer meiner klassischen Denkfehler: der Survivorship Bias. Von Erfolgen geblendet, sehe ich nicht, wo das generelle Problem liegt. Unangenehme Nachrichten blende ich aus, wie die Meldung, dass das Vogelgrippevirus erstmals auch bei Rindern nachgewiesen wurde, in größeren Mengen auch in der Milch der Kühe. Ich habe keine Ahnung, ob die nächste Pandemie gerade an die Tür klopft (Science Media Center).
Dies ist keine zukunftsfähige Strategie, das ist Flucht vor der Realität.
Wie es das virologische Bonmot ausdrückt: The cycle of panic and neglect.
Und die nächste Pandemie lauert schon (Eckerle, 2023).
Im Nachhinein finde ich für all meine falschen Handlungen eine Entschuldigung. Möglicherweise sehe ich kurzfristig meine Fehler ein. Trotzdem handele ich in einer vergleichbaren Situation wieder falsch. Wie A. Einstein schon bemerkte: Immer wieder denselben Fehler machen und hoffen, dass einmal etwas Vernünftiges passiert.
Ist das der viel gerühmte menschliche Logos? In Deutschland liegt die Krise in der demografischen Entwicklung begründet (PKV, 2024). Eine zunehmend alternde Gesellschaft – die sog. Baby-Boomer, die in Rente gehen – wird den Anforderungen an eine sich immer schneller wandelnde Welt nicht mehr gerecht.
Die Medizin und das liebe Geld
Gerade die Medizin steht vor großen Herausforderungen, eine immer älter werdende Gesellschaft adäquat zu versorgen – bei gleichzeitig steigenden Kosten im Gesundheitswesen, durch moderne Therapieformen und galoppierende Arzneimittelpreise.
Das Gesundheitssystem ist in den Strudel der Kommerzialisierung gezogen worden. Ich habe einen Markt geschaffen, mit dem ich unglaublich viel Geld verdienen kann. Investoren wollen Profite sehen (Deutsches Ärzteblatt 2018).
In den Werbeanzeigen von ärztlichen Praxen ist der Slogan zu lesen: „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt“. Ich frage mich dann erstaunt: Was bitte soll sonst im Mittelpunkt von medizinischem Handeln stehen?
Die Aufteilung in eine Zwei-Klassen-Medizin von privat und gesetzlich versicherten Menschen erscheint ein Relikt aus alter Zeit. Gesundheit kann doch keine Ware sein, von der sich Reiche mehr leisten können, als Arme. Aber, wie schreibt schon G. Orwell in seinem Roman, Die Farm der Tiere: „Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher. (Orwell, 1945)
Es ist eine epidemiologische Binsenwahrheit, dass in einer Pandemie sozial schlechter gestellten Menschen stärker betroffen sind. (DIW, 2020). Sie können sich weniger gut schützen und einen schlechteren Zugang zum Gesundheitssystem.
Wird denn in dem modernen Gesundheitswesen wenigstens eine qualitativ hochwertige Gesundheit verkauft? Antwort: Nun ja.
In den wohlhabenden Ländern der Ersten Welt werden die versicherten Patienten mit einer kostenintensiven Ersatzteilmedizin versorgt. Für Krankenhausbetreiber und Investoren von medizinischen Versorgungszentren ist ein Mehr an Leistung im Wesentlichen nützlich für die Aktionäre. Die schmerzende Hüfte ist schnell und profitabel gewechselt, an meinem ursächlich verantwortlichen Übergewicht und/oder Bewegungsmangel hat kein Chirurg ein Interesse. Denn daran bin ich selbst schuld, oder?
Wo bleibt das Geld und die Initiativen für eine Gesundheitsprävention? Welcher Arzt, welche Ärztin hört mir in der Sprechstunde länger als 3 Minuten zu, ohne sich hinter dem Computerbildschirm zu verstecken? Es ist nicht verwunderlich, wenn ich mich zu solchen Anbietern begebe, die mir mehr Zuwendung und Anteilnahme versprechen.
Wenn der Zugang zu universitär ausgebildeten Psychotherapeuten eine Mangelware ist, dann eile ich zu alternativen Heilern, wie dem Heilpraktiker für Psychotherapie. Für diesen ‚Beruf‘ gibt es keine verbindlich geregelte Ausbildung, da darf jede*r bis an die Grenzen der eigenen Fähigkeiten und weit darüber hinaus Unheil anrichten. Imbissbuden werden in Deutschland besser überwacht und qualitativ beaufsichtigt.
Die Ökonomisierung der Medizin und der gesamten Wissenschaft ist ein grundlegendes und schwerwiegendes Problem. Die COVID-19-Pandemie hat eindrücklich gezeigt, wie Geld (BMBF, 2020) Forschung beschleunigt hat. Aber das passiert nur dann, wenn der Dachstuhl brennt und die Not – und der zu erwartende spätere Profit – am größten ist. Forschungsprojekte, die Prophylaxe und die Verbreitung von Krankheiten, wie AIDS oder Tuberkulose in der dritten oder vierten Welt ergründen wollen, sind weniger gut ausgestattet. Dieses Vorgehen erscheint mir mehr als kurzsichtig. Wie kann ich wissen, welche Dynamik in diesen, angeblich überwundenen Krankheiten noch stecken kann?
Die unabhängige Wissenschaft
Seit Jahren weiß ich, dass eine umfangreiche Publikationsliste von mir dadurch erreicht werden kann, dass ich nicht korrekt arbeite und meine Ergebnisse einer Überprüfung (Peer-Review) nicht standhalten. So habe ich eine Reihe von pseudowissenschaftlichen Zeitschriften gegründet, die sich nicht mit einem Kontrollverfahren über die Qualität der eingereichten Arbeit absichern. Alles wird veröffentlicht, wenn ich es bezahle. Ich organisiere sogar wissenschaftliche Fake-Kongresse. Ob und wie lange diese wissenschaftliche Reputation Bestand hat, interessiert mich nicht. (Eliezer Masliah, Alzheimer Forschung). Die Anzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die wegen qualitativer Mängel zurückgezogen werden müssen, steigt.
Diese Reputation ist wiederum Voraussetzung für eine wissenschaftliche Karriere, für Jobs, für Drittmittel. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter schleppe ich mich von Befristung zu Befristung – Festanstellungen sind Goldstaub (Wissenschaftszeitvertragsgesetz). Unter solchen Bedingungen kann kein solider wissenschaftlicher Fortschritt entstehen. Ein solcher Fortschritt wäre für die menschliche Zivilisation bei den vielen Problemen, vor denen wir stehen, dringend erforderlich.
Grundlagenforschung, sowie Forschung außerhalb des Mainstreams vernachlässige ich (undone science), weil sie wenig rentabel ist. Zum Beispiel:
- Langzeitstudien zu den Gesundheitsrisiken von Pestiziden oder von Mikroplastik
- Während es viele Studien gibt, die kurzfristige Auswirkungen von Pestiziden untersuchen, fehlen oft umfassende Langzeitstudien zu chronischen Erkrankungen wie Krebs oder neurologischen Störungen.
- Alternative Energien gegenüber fossilen Brennstoffen
- Jahrzehntelang floss ein Großteil der Forschungsgelder in die Optimierung fossiler Brennstoffe, während Studien zu erneuerbaren Energien vernachlässigt wurden. Erst mit der Klimakrise änderte sich dies langsam.
- Nebenwirkungen von Medikamenten bei Frauen
- Viele medizinische Studien wurden historisch an Männern durchgeführt, sodass es Lücken in der Forschung gibt, wie Medikamente speziell auf den weiblichen Körper wirken.
- Untersuchung alternativer ökonomischer Modelle
- Die Forschung konzentriert sich stark auf kapitalistische Wirtschaftsmodelle, während alternative Systeme wie Postwachstumsökonomie oder Gemeinwohlökonomie oft unterfinanziert sind.
- Soziale und psychologische Auswirkungen
- Während viel Forschung zu technischen Aspekten der Digitalisierung existiert, gibt es vergleichsweise wenige Studien zu langfristigen sozialen und psychischen Folgen, etwa durch soziale Medien oder Künstliche Intelligenz.
Die Ökonomisierung der Wissenschaft führt zu einem globalen Wettbewerb zwischen den Instituten. Dabei handelt es sich aber nicht um einen fairen Wettbewerb, im Vordergrund stehen Geld- und Lobbyinteressen. Ich bevorzuge prestige- und gewinnträchtige Forschung, deren Ergebnisse sich im besten Fall in steigenden Umsatzzahlen und Börsennotierungen widerspiegeln. Eine weltweit koordinierte Forschung ist essenziell, es existieren zahlreiche internationale Organisationen. Allerdings scheitert sie zunehmend an ideologischen Grenzen. (USA 01,2025)(Argentinien 02,2025) (Aljazeera 01, 2026)
Gefährlich ist es insbesondere, wenn selbst ernannte Expert*innen mich verunsichern. Akademische Titel und Auszeichnungen dieser Wissenschaftler täuschen mich. Werde ich mißtrauisch, wenn ein Arzt erklärt, eine Masernimpfung löse bei Kindern Autismus aus (Dr. med. Andrew Wakefield)? Oder wenn zwei Nobelpreisträger das allgemein anerkannte Faktum des Klimawandels – heute können wir schon von einer Klimakatastrophe sprechen -abstreiten? Die beiden Nobelpreisträger sind Physiker und haben in ihrer beruflichen Laufbahn nie mit Klimawissenschaften zu tun gehabt, geschweige denn dazu veröffentlicht. Aber sie sagen, es gibt keinen Klimawandel. (World Climate Declaration)
Sind solche Mythen erst mal in der Welt, sind sie kaum zu bekämpfen. Sie reihen sich ein in die Legionen der pseudowissenschaftlichen Lügen, die zu allen Zeiten von mir geglaubt und verbreitet werden. Wenn der 45. und 47. amerikanische Präsident vor laufender Kamera empfiehlt, gegen das Coronavirus therapeutisch Chlorbleiche zu injizieren, oder sich starkem Licht auszusetzen, dann ist das die Spitze der Absurdität und lebensgefährlich.
Absurd ist auch mein Glaube an die Wirksamkeit der Homöopathie: „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“, ist die wissenschaftlich nicht belegte Idee dieser ‚Heilkunst‘. Bei homöopathischen Arzneimitteln stelle ich eine sogenannte Verdünnungsreihe her (eine Verdummungsreihe?), bis nur noch die Idee eines Wirkstoffmoleküls in dem Präparat vorhanden ist. Es braucht keine Wirksamkeitsstudie für die Zuckerkügelchen (Globuli). Ich behaupte: Es wirkt – Basta. Und als Höhepunkt der Verdummung sind diese Präparate in Deutschland apothekenpflichtig und erhalten somit den Ritterschlag, mit wirklichen Medikamenten in einem Schrank stehen zu dürfen und von akademisch ausgebildeten Apotheker*innen verkauft zu werden. Es gibt keine wissenschaftlichen Studien, die die Wirksamkeit der Homöopathie, über den Placebo-Effekt hinaus, belegen (Shang et al, 2005). Sie verkaufen sich trotzdem bestens, es ist ein Millionengeschäft.
„Haben Sie auch etwas Pflanzliches?“ fragt der Apothekenkunde. Und will damit betonen, dass es weniger schädlich ist, als „die Chemie“. Das nur zum Thema Wissenschaftsverständnis in der Bevölkerung. Als ob ein Fliegenpilz pharmakologisch unbedenklich sei.
Wissenschaft und Zukunft
Eigentlich sollten Wissenschaft und Technik des Homo sapiens sapiens größte Leuchtturmprojekte sein. Sie sollen mir helfen, Welt zu verstehen. Zu begreifen, dass die Bedürfnisse der Welt auch meine Bedürfnisse sein müssen. Eine kranke Welt, eine Welt, die ich zerstöre, kann keine Heimat für mich sein.
Das kann nur faktenbasierte, ideologiefreie und von wirtschaftlichen Belangen freie Grundlagenwissenschaft klären.
Tragischerweise produziert Wissenschaft oft genug das genaue Gegenteil, sie erzeugt Leid und dient dunklen Zwecken. Einige Beispiele dazu habe ich zusammengestellt.
- Die Anfangserfolge der Wehrmacht im 2. WK waren nur möglich, weil die Soldaten (nach den ersten systematischen Drogenversuchen der Militärgeschichte) mit Methamphetamin (heute als Crystal Meth bekannt) vollgepumpt waren (Ohler, 2015).
- Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden schreckliche Verbrechen an wehrlosen Menschen verübt. Medizinische Versuchsreihen an hilflosen Frauen, Männern und Kindern in den Konzentrationslagern und in den Alten- und Pflegeheimen wurden von willfährigen Ärzten durchgeführt. Das war keine „medizinische Forschung“, das war Perversion, Mord (Mitscherlich, Mielke, 1989), (Kater, 2000).
- 1932-1972 fand die Tuskegee-Syphilis-Studie („Tuskegee Syphilis Study“), durchgeführt vom U.S. Public Health, statt. Dort wurden rund 600 arme afroamerikanische Männer, unter Vorspiegelung kostenloser Behandlung in die Studie aufgenommen. Ihnen wurde die Diagnose Syphilis verschwiegen und eine wirksame Therapie (Penicillin) vorenthalten, um den „natürlichen Verlauf“ der Erkrankung zu beobachten.
- „Mississippi appendectomy“ ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für die heimliche Sterilisation farbiger, armer Frauen in den Südstaaten der USA, bei der ihnen gesagt wurde, man entferne den Blinddarm oder eine Zyste. Tatsächlich wurde aber eine Hysterektomie oder Tubenligatur durchgeführt und die Frauen damit unfruchtbar. Betroffen waren ca. 60.000 Frauen in den 1950-60er Jahren in den USA.
- Der Contergan/Thalidomid-Skandal Ende der 1950er – Anfang der 1960er. Thalidomid (in Deutschland „Contergan“) wurde als „besonders gut verträgliches“ Beruhigungs- und Schlafmittel Schwangeren verschrieben, obwohl systematische Sicherheitsprüfungen – v.a. zur Embryotoxizität – unzureichend waren. Weltweit wurden tausende Kinder mit schweren Fehlbildungen der Gliedmaßen (Phokomelie), Ohren, Augen und inneren Organe geboren; betroffen waren rund 10.000 Kinder, von denen viele früh starben.
- Trovan-Studie von Pfizer 1996. Pfizer testete das damals neue Antibiotikum Trovafloxacin (Trovan) an etwa 200 Kindern mit Meningitis; die Hälfte bekam Trovan, die andere Hälfte das Standardmittel Ceftriaxon. Der nigerianische Untersuchungsbericht kam zu dem Schluss, dass es sich um einen „illegalen Versuch mit einem nicht zugelassenen Medikament“ handelte; Ethikgenehmigungen waren zweifelhaft und gefälscht, und eine Einwilligung der Eltern wurde nicht ordnungsgemäß eingeholt. Mehrere Kinder starben, andere erlitten schwere Schäden; es folgten langjährige Gerichtsverfahren und schließlich Vergleiche und Entschädigungszahlungen.
Nicht nur meine Mitmenschen quäle ich, auch meine Mitgeschöpfe. In der Tier- und Pflanzenwelt sehe ich nur eine große Ressource, der ich mich bedienen kann. Mein oftmals fehlendes Mitgefühl für Tiere hat eine lange Tradition. Der Philosoph Descartes („Ich denke, also bin ich“, Meditationes de prima philosophia, 1641) beanspruchte für sich selbst ein Sein und Denken. Tiere aber hielt er für Automaten, ohne Empfindung, ohne Denken.
Forschungsergebnisse zeigen eindeutig, dass Tiere über ein emotionales Bewusstsein, eine Art Persönlichkeit, verfügen, dass sie Empfindungen haben, Freude und Trauer erleben, in ihrer Weise auch lügen, lachen oder Unsinn machen können. (Safina, 2017)(Metzinger, 2021) Wenn ich meinem geliebten Haustier allen erdenklichen Luxus und Pflege zukommen lasse, aber gleichzeitig millionenfaches Leid der sogenannten Nutztiere akzeptiere, was stimmt nicht mit mir?
In freier Abwandlung des Descartes-Zitats halte ich mich für herausragend: „Ich denke, also bin ich was Besonderes.“
Hunderttausende von Tieren werden in Versuchslaboren weltweit – unter anderem der Zigarettenindustrie – gequält und umgebracht, um Toxizitätsprüfungen durchzuführen. Die Autoindustrie möchte mich von der Harmlosigkeit von Autoabgasen überzeugen und lässt Primaten Autoabgase einatmen. Das hat nichts mit Wissenschaft zu tun, das ist zynischer Hokuspokus.
Neben der Massentierhaltung, habe ich eine weitere unsägliche Industrie geschaffen, die Versuchstiere herstellt. Ich kann passende Versuchstiere im Katalog auswählen. Tiere mit künstlich erzeugten Gendefekten, mit Tumoren oder mit Stoffwechselstörungen. Auf meine Mitgeschöpfe, die ich zu einem kranken, leidvollen Leben geboren und verurteilt habe, erstelle ich mir Patente. (Affen mit Parkinson)
In Abhängigkeit vom gewählten Versuchstier erziele ich die gewünschten wissenschaftlichen Ergebnisse – die meinen Wünschen und vorgefassten Meinungen am besten entsprechen. Die biologische Gefahr durch Bisphenol A in Kunststoffen kann ich herunterspielen, wenn ich die Substanz an speziell gezüchteten Mäusepopulationen teste, die gegenüber diesen endokrinen Disruptoren wenig sensibel sind. (c&en, 2007) (sciencedirect.com, 2006)
Die Wirkung von Antidepressiva teste ich an Ratten. Ratten sind nicht depressiv, es gibt darauf keinen Hinweis – vielleicht werden sie es, wenn sie mich in meinem weißen Kittel durch das Labor laufen sehen. Ich setze sie in ein Gefäß mit Wasser, aus dem sie nicht entkommen können. Gemessen wird die Zeit, in der die Tiere aktiv schwimmen. Dann erhalten die Tiere eine Dosis Antidepressivum, und wenn sie bei dem folgenden Schwimmversuch länger aushalten, ist es ein Beweis für die antidepressive Wirksamkeit des Medikaments. (Forced swim test) (Ärzte gegen Tierversuche)
Wenn ich lese, dass menschliche Gefangene mit Waterboarding gefoltert werden, beschleicht mich entsetztes Grauen. Die Empathie – die mir im Umgang mit Versuchstieren fehlt – versuche ich im Gehirn von Affen zu finden, indem ich Elektroden in ihrem Hirn versenke und die Aktion der sog. Spiegelneuronen beobachte.
Und dabei kann ich kann mich nicht noch nicht einmal auf die Ergebnisse der Tierversuche verlassen. So verursacht das Schmerz- und Rheumamittel Benoxaprofen beim Menschen schwere Nebenwirkungen wie Nierenversagen. Im Tierversuch konnte das nicht festgestellt werden, weil die Primaten den Stoff schneller verstoffwechseln. (Gericke, 2015) (PETA)
Ich kenne bis heute nicht genau den Wirkmechanismus verschiedener Medikamente. Ich weiß nur, dass sie wirken. Auch die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Medikamenten sind nicht komplett erforscht. Antidepressiva sind ein Beispiel dafür. Trotz fehlender Kenntnis ihres Wirkmechanismus werden sie im klinischen Alltag häufig eingesetzt. Sie wirken nicht bei jedem, sie wirken nicht sofort und eine Dosis-Wirkungs-Beziehung ist ebenfalls nicht bekannt (Ein Medikament muss im Blut einen bestimmten Spiegel erreichen, um zu wirken). Es gibt aber ein gern und häufig gebrauchtes Narrativ: Antidepressiva beeinflussen den Serotoninspiegel im menschlichen Körper. Das ist der Serotonin-Mythos (Bschor, 2018).
Ein ganz großes schwarzes Loch in der Medizin – wie in den Wissenschaften generell – ist die fehlende Berücksichtigung der unterschiedlichen Geschlechter. Dass Frauen eine spezielle, geschlechtsangepasste Behandlung benötigen, gerät erst langsam in den Fokus der Forschung.
Wenn ich in den vergangenen Jahrtausenden darüber geschrieben habe, dass Frauen anders sind als Männer, wollte ich in der Regel die weibliche Minderwertigkeit beschreiben (Müller, 1984). Diese Einschätzung erweist sich jedoch für den männlichen Homo sapiens sapiens als gänzlich irrig.
Der weibliche Körper hat eine eigene, sehr spezifische Evolution hinter sich (Bohannon, 2024). Eine Männer-Medizin ist für Frauen nicht heilsam, sondern sogar schädlich. Aber während tausender Jahre männlich dominierter Medizingeschichte wurde das fehlende Wissen über den weiblichen Körper und die Fortpflanzung durch Märchen, Mythen und Horrorgeschichten ersetzt. Es wurden ernsthaft absurde Fantasien über einen im Körper der Frau herumwandernden Uterus veröffentlicht. Die dadurch angeblich verursachten Krankheiten der Frau konnten nur durch ständige Schwangerschaften geheilt werden – oder durch laute Geräusche, die den Uterus erschrecken, damit er wieder an seinen Platz rutscht – kein Scherz!. (Cleghorn, 2022).
Und heute? Frauen sterben häufiger an einem Herzinfarkt, weil sie nicht die klassischen Symptome aufweisen, die im Lehrbuch bei einem männlichen Infarkpatienten genannt werden. Frauen bekommen seltener und geringer dosierte Schmerzmedikamente. (gender pain gap)
Das fehlende Bewußtsein für die Rolle des Geschlechts wirkt sich auch auf Tierversuche aus. Männliche Labortiere werden bevorzugt, weil sie bezüglich des Hormonstatus einfacher zu handhaben sind. Damit ist ein großer Teil der medizinischen Forschung auf die Hälfte der Weltbevölkerung nicht anzuwenden.
Eine lebenswerte Zukunft der Menschheit setzt voraus, dass ich mich umfassend gebildet, vorurteilsfrei und empathisch mit all diesen Problemen auseinandersetze und bislang undone science für meine Nachkommen betreibe, damit sie eine Chance haben.