English summary

Aktualisiert Januar 2026

Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.

Anonymus


Ich bin zutiefst besorgt.

Unbemerkt ist eine geheimnisvolle Macht entstanden, die ich nicht verstehe, und das macht mir Angst. Ich habe diesem Wesen den Namen KI gegeben – Künstliche Intelligenz – und die Fähigkeit verliehen, selbst zu lernen. Wie und was die KI lernt, das weiß ich nicht. Aber in kurzer Zeit spielt sie besser als ich Schach und Go und auch besser als alle elektronischen Rechenmaschinen der Vergangenheit (AlphaGo)(Alpha Go gegen Lee Sedol).

Die KI schreibt Romane, Dissertationen und Musik. Sie erzeugt Bilder, die so täuschend echt sind, dass ich sie kaum als Fälschungen der Realität erkennen kann. In den sozialen Netzwerken wird die KI zum Influencer, zur Influencerin, dessen und deren Meinungen und Vorlieben für andere zum Vorbild und zur Inspiration werden (Netzpolitik.org, 2023). Und sie wird auch in Militärdrohnen eingesetzt und entscheidet dann über Leben und Tod von Menschen (National Geographic, 2024).

Mir fallen Science-fiction Storys über Supercomputer mit Furcht einflößender Zielstrebigkeit ein, die mich – die Krone der Schöpfung – unterjochen. Ich kann mir kaum vorstellen, wie die KI in Zukunft mein Leben verändern wird – aber höchstwahrscheinlich auf drastische Art und Weise (Lobo, 2019). Die KI wird Bewerbungsgespräche führen und mich als ungeeignet aussortieren.

Es gibt aber auch Zeitgenossen, die mit der neuen Technik nicht fremd sind. Sie vertrauen ihr Leben einem autonom fahrenden Auto an und kommen dabei zu Schaden.

Es ist ein merkwürdiges Phänomen: Je komplizierter die Technik und je weniger ich sie verstehe, desto mehr – unbegründetes – Vertrauen setzte ich in sie.

Bevor ich mich in den Kampf mit der Matrix oder einem selbstfahrenden Tesla begebe, sollte ich zunächst darüber nachdenken, welche schrecklichen, weitgehend unabsehbaren Folgen das Wirken und Walten einer anderen Art von Intelligenz hat – nämlich meiner eigenen.

NI – die natürliche Intelligenz, manchmal auch als gesunder Menschenverstand bezeichnet – oder Intuition, Bauchgefühl, immer der Nase nach…

Verstand oder die Vernunft – was ist die höhere Instanz? Gibt es überhaupt einen Unterschied?

Vielleicht so: Der Verstand analysiert das mich Umgebende, erstellt Vermutungen über Kausalitäten, hilft mir, durch den Tag zu kommen. Die Vernunft erstellt allgemeingültige und für mich überlebenswichtige Schlussfolgerungen aus meinen Sinneseindrücken.

Dabei übergehe ich das grundlegende Problem, dass evolutionär ältere Teile meines Gehirns meine Wahrnehmung filtern und somit alles, was mich an Sinneseindrücken erreicht, beeinflussen. Ich bin fest überzeugt, dass meine Wahrnehmung der Realität 1:1 wahr und vollständig ist.

Es sind letztlich aber nur Vermutungen über die Wirklichkeit, die mein Gehirn, die NI, anstellt. Aus diesen trifft es Vorhersagen, die manchmal weit an der Realität vorbeigehen (predictive processing). Die NI ist nicht dafür gemacht, die Welt objektiv zu erkennen, sondern einzig allein dafür, mein Überleben als Individuum zu sichern. Ob das auch nützlich für die Spezies und diesen Planeten ist, ist sehr fraglich.

Wir nehmen die Welt nicht so wahr, wie sie ist, sondern wie es für uns nützlich ist“ (Sterzer, 2022).

Fatalerweise halte ich die NI für ein unabhängiges, machtvolles Instrument, das ich beherrsche. Ich glaube, dass sie zu klaren logischen Schlüssen fähig ist. Fakt ist aber, dass meine Entscheidungen – und letztlich viele meiner Handlungen – von einem vorlauten und leicht zu beeinflussenden System1 (Kahnemann, 2016) getroffen werden. Evolutionär gedacht ist das durchaus sinnvoll: Es geht schnell und verbraucht weniger Energie, als langes Nachdenken – dafür ist System 2 zuständig.

Wenn der Verstand die Welt nur rudimentär erkennen kann, wie soll die Vernunft dann visionäre Entwürfe für die Zukunft der Spezies Mensch erstellen? Verhält es sich wie Ethik zu Moral? Moralische Ansichten habe ich viele – teilweise verschwommene und unscharfe. Eine allgemeingültige Weltethik, die ein auskömmliches Zusammenleben der Spezies Mensch ermöglichen würde, ist mir bis heute nicht geglückt.

Ich stecke fest im Düsterwald von Ahnungen, Ängsten und den unscharfen Deutungen meines Hirnstamms. Meine Ängste versuche ich zu beherrschen, indem ich in alternative Wirklichkeiten einzutauchen versuche. Ich betrachte virtuelle Realitäten und verdränge in diesem bunten Metaversum die Tatsache, dass meine reale, einzig existierende Umwelt in existenzieller Gefahr ist.

Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, schreibt der Philosoph Immanuel Kant.

Ich füge hinzu: „Und die Vernunft, deinem Verstand stets zu misstrauen.“

Denn die Gedanken sind frei und deshalb empfiehlt es sich dringend, sie genau im Auge zu behalten.

Was nutzt mir eine akademische Diskussion über den Verstand und die Vernunft für mein daraus resultierendes, meistens unvernünftiges Verhalten?

Da mache ich mir in meiner guten Stube am Schreibtisch jahrzehntelang über menschliche Grundsatzprobleme tiefgreifende Gedanken und frage mich: „Was kann ich wissen?“ Ich kann darüber grübeln, wie ich in einer bestimmten Situation handeln soll, und ethische Basisprotokolle erstellen. Wenn ich dann in einer neuen, mir unbekannten Situation rasch handeln muss: Wer oder was entscheidet dann; meine Vernunft, das Basisprotokoll?

Nein: Meine neuronalen Netzwerke berechnen Wahrscheinlichkeiten, die darauf angelegt sind, mein Überleben als Individuum zu sichern.

Das Programm heißt „Me first“ – und soll mir den Arsch retten.

Es ist ein evolutionäres Grundlagenprogramm und äußerst erfolgreich. Wer überlebt, ist angemessen angepasst. So war es zumindest bislang.

Vergleichbar einem Computer bin ich völlig abhängig von meinem Betriebssystem, meiner Basisprogrammierung – dem weitgehend unbekannten Hirnstamm-BIOS. Daran komme ich nicht vorbei. Diese uralte Programmierung ist die Grundlage meines Handelns. Und wie bei Microsofts Windows ist mir der Quellcode nicht bekannt – und es gibt auch keinen Leak.

Dieses Savannen-Betriebssystem hat bis heute kein relevantes Update erfahren (Savanne 1.0). Einzelne Handlungs-(Programm-)abläufe mögen sich bei der Umstellung vom Jäger und Sammler zum sesshaften Dorfbewohner geändert haben. Für ein relevantes Update bin ich noch nicht lange genug im evolutionären Prozess unterwegs. Also verhalte ich mich, wie meine Grundprogrammierung es zulässt: Flucht oder Angriff. Die Evolution hat mich für das Überleben optimiert.

Doch wenn sich unsere Welt rapide verändert, ohne dass unser Geist die Zeit hat, sich anzupassen, stehen wir vor dem Problem: Wir haben keine passenden Antworten mehr.

Denn neben Flucht und Angriff heute noch eine dritte Option in Betracht: Nachdenken.

Doch diese dritte Option steht in deutlichem Widerspruch zu meinem affektgesteuerten Verhalten. Auch ist es nicht förderlich, dass wir in einer Zeit der Zeitlosigkeit leben. Entscheidungen müssen, so wird mir suggeriert, schnell getroffen werden. Ein Homo sapiens sapiens, der auf eine Frage nicht direkt eine wohlformulierte Antwort geben kann, wird mit Argwohn betrachtet. Ich bin nur dann ein Held, wenn ich ohne Umschweife in Aktionismus verfalle (Action Bias).

Wenn sich dieser Aktionismus im Nachhinein als Fehlentscheidung herausstellt, dann werde ich flink eine neue Geschichte dazu erzählen: Mein Scheitern wird zum Erfolg umgedeutet. Meine ultrakurze Aufmerksamkeitsspanne verhindert erfolgreich, dass ich mich an die falschen Ideen und gebrochenen Versprechungen von gestern erinnere.

Deshalb gewinnt der Homo politicus seine Wahlen mit immer den gleichen Slogans: politische Demenz (political amnesia)

Bin ich also ein rationales oder ein irrationales Wesen?

Oder … bin ich einfach nur dumm?

Bin ich möglicherweise auch noch stolz auf mein irrationales Verhalten? Ist das mein größtes Handicap?

Unter vernünftigem Tun verstehe ich menschliches Verhalten, das eine überlebenswerte Welt für meine Spezies und auch (!) meine Mitgeschöpfe schafft und für die Zukunft erhält.

Leider bin ich offenbar eine humanitäre Katastrophe und verwüste, was ich erhalten soll. Das ist das Alleinstellungsmerkmal des Homo sapiens sapiens.

Mein eigener Untergang wäre vielleicht verzeihlich, nicht aber der gigantische Kollateralschaden: die Zerstörung des globalen Ökosystems Erde.

Es ist nicht so, dass ich das nicht wüsste. Mir sind die Probleme und die zunehmenden Baustellen um mich herum nur zu gut bekannt. Das macht mich wütend und frustriert. Wenn ich mit offenen Augen durch die Welt gehe, oder es zumindest versuche, kann ich es sehen, aber ich will nicht.

Wir Menschen haben uns viele Gedanken gemacht. Kluge Bücher stehen in den Regalen der Bibliotheken, sind abrufbar im Internet, sind besprochen und kommentiert. Aber im tiefsten Inneren habe ich sie nicht verstanden oder will und kann ihr Wissen und ihre Handlungsempfehlungen nicht annehmen (Fromm, 1979) (Richter, 1979) (Harari, 2018).

Die klugen Gedanken haben keine Auswirkung auf das kollektive menschliche Handeln, und auch für dieses Dilemma gibt es einen Fachbegriff: kognitive Dissonanz. Obwohl ich weiß, dass ich falsch handle, tue ich es – immer wieder – mit größter Begeisterung, seit Anbeginn meines Daseins.

Trotz all dieser stimmigen Analysen und unübersehbarer Warnzeichen in meiner Umwelt bin ich nicht willens – schlimmer noch, ich bin nicht in der Lage – etwas an meinem Handeln als Spezies zu ändern. Die mich antreibenden Emotionen und inneren Kräfte können nicht gebändigt werden. Ich habe die Übersicht und gleichzeitig auch nicht. Ich habe keine Macht über meine destruktiven Handlungen: Mein Narrativ ist allerdings ein ganz anderes.

Ich bin mir völlig im Klaren, dass die Bildung und Erziehung meiner Kinder – der kommenden Generationen – die wichtigste Aufgabe sein sollte:

Für Chancengleichheit, gegen Armut, für ein selbstbestimmtes Leben und gegen Unterdrückung. Bildung sichert das Überleben der Spezies.

Es sollte keine Erziehung sein, die junge Menschen in einer speziellen ideologischen Weltsicht funktionieren lässt. Sondern eine Erziehung der inneren Ausgeglichenheit, der emotionalen Stabilität und Empathie mit allem, was uns umgibt. Nicht Faktenwissen steht an erster Stelle, sondern die Fähigkeit, selbsttätig und unbeeinflusst zum Verständnis von Zusammenhängen nicht linearer Systeme und zu überlebenswichtigen Schlussfolgerungen zu gelangen (Vester, 1989).

Es sollte auch und vor allem um die Vermittlung von Werten gehen, die ich schon so oft vergeblich beschworen habe: Gleichheit, Freiheit, Schwesterlichkeit.

Mein fester Glaube an eine der Welt innewohnende Gerechtigkeit, an ein Happy End (Lerner, 1980) ist unbegründet. Ich will den alles regierenden Zufall und das mich umgebende Chaos nicht wahrhaben, weil sie mir Angst machen. Die Filmindustrie lebt zu einem großen Teil von Helden und Heroen, die nach einem spannungsreichen Kampf erfolgreich den Sieg über die dunklen Mächte und die Schurken davontragen. Ich liebe diese Filme, aber es sind nur Filme.

Warum gehen also nicht alle Kinder – auch die Mädchen – dieser Welt in eine Schule? Ordentlich gekleidet, mit einem Pausenbrot ausgerüstet und frei von Angst? Warum indoktriniere ich meine Kinder mit falschen, lebensfeindlichen Ideologien? Warum müssen Kinder in vielen Ländern – ohne Hoffnung auf Besserung – in Bergwerken schuften oder sich prostituieren? Warum gibt es Kindersoldaten?Angeblich gibt es in unserer modernen Welt keine Sklaverei mehr. Ich weiß, das stimmt nicht (Unicef) (Skinner, B., 2008) (Eckert, 2024).

In der Adventszeit sehe und spende ich im Fernsehen: „Ein Herz für Kinder“. Den Rest des Jahres wende ich mich ab, vom Leid der Schwächsten. Vom Leid derer, die die Zukunft meiner Spezies sind.

Nicht einmal in der reichen Republik Deutschland ist es möglich, allen Kindern gleiche Chancen zu bieten, egal aus welcher sozialen Schicht oder aus welchen Ländern sie kommen. Die schulische Infrastruktur muss dringend erneuert werden, beginnend mit der Bausubstanz, ganz zu schweigen vom Lehrermangel, von veralteten Lehrmitteln und überholten Denkstrukturen, zum Beispiel der Idee, dass Noten etwas über menschliche Qualitäten aussagen. Oder die Idee, Quantität von Lehrstoff ersetze die Qualität. (Dt. Schulportal) (PISA Studie 2023).

Die kommenden Generationen sollen es richten, sollen es besser machen.

Aber wie soll das gehen, wenn ich ihnen nicht beibringe, was wirklich wichtig ist?

Fernseher und die anderen allseits verfügbaren Bildschirme flackern in meiner Wohnhöhle. Sie sind ein machtvoller Ersatz für die Magie der alten Feuerstelle, um die sich meine Urahnen in ferner Vergangenheit gedrängt haben, die sie gewärmt und ihnen Sicherheit versprochen hat. Schon damals wurden an den Feuerstellen Geschichten erzählt. Es waren Geschichten, die das Überleben der Gemeinschaft befördert haben. Auch heute verbreiten die – jetzt digitalen – Feuerstellen Geschichten. Allerdings ist ein Großteil dieser Erzählungen für die Gemeinschaft nicht mehr hilfreich, ganz im Gegenteil.

Die Anzahl der Geschichten ist für mich heute nicht mehr zu bewältigen. Die Menge an Informationen, an Meinungen und nicht zuletzt an reinem Unsinn ist schlicht unüberschaubar. Und gleichzeitig werde ich, ohne es zu merken, von einer Vielzahl von Algorithmen mit genau den Informationen versorgt, von denen der Algorithmus annimmt, dass ich sie sehen will. So verharre ich, wie gefesselt, vor meinem Bildschirm, das echte Leben – die Begegnung, der Austausch mit realen Personen – findet nicht mehr statt. Noch einen großen Unterschied zu früher gibt es: Heute bin ich dieser unendlichen Anzahl von Einflüsterungen allein ausgeliefert. Ich vertraue fernen, gut aussehenden Influencern, will so sein, wie sie und verliere das Vertrauen zu meinen realen Mitmenschen.

Ich besitze nicht die digitale Kompetenz, von der ich so schwärme.

Von Sokrates ist überliefert: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“. Ich empfinde diese Aussage als großartig, die Selbsterkenntnis als einzigartig. Aber ich denke in keinen Augenblick daran, diese Erkenntnis auf mich zu beziehen. Ich bin großartig in meiner Unbescheidenheit. Ich habe schließlich Bibliotheken voller Bücher geschrieben.

Und immer weiter und weiter bemühe ich mich, mein Nichtwissen durch das Abfassen gelehrter Traktate zu verschleiern. Der Fortschritt scheint im Internet, in den scheinbar unendlichen Datenbanken zu liegen, die alles bekannte Wissen fassen. Macht mich das klug?

„Die Wahrheit ist, was Google sagt: Wir vertrauen der künstlichen Intelligenz, deren Algorithmen wir nicht verstehen“. (Harari, 2018) Da ist sie wieder, die KI und meine Angst und Abhängigkeit vor und von dem Künstlichen.

Ich habe sogar Bücher über menschliche Denkfehler geschrieben, die mir tagtäglich unterlaufen. Ich lese diese Bücher, bin fasziniert und erheitert. Und am nächsten Tag lande ich wieder in den altbekannten Denkfallen (Dobelli, 2011)(The Cognitive Bias Codex).

Vater und Mutter aller Denkfehler ist, dass ich unverdrossen glaube, ich könnte diese Welt mit meinem Verstand, der NI, erfassen. Es scheint, als kämpften meine Savanneninstinkte und mein Verstand permanent um eine korrekte Beurteilung der Welt. Das geht regelmäßig schlecht aus – für den Verstand.

Die Welt wird mir zu viel.

Auf der Flucht vor dieser unbequemen Wahrheit verliere ich mich in die Sucht. Ich trinke, esse, arbeite, spiele zu viel. Es ist nicht auszuschließen, dass ich dies in selbstmörderischer Absicht tue, obwohl ich das niemals zugeben würde. Menschliches Übergewicht – als Beispiel – hat pandemische Ausmaße angenommen (NDR, Jan 2025). Es hat seinen Preis, sich stets und ständig verfügbare hochkalorische Lebensmittel einzuverleiben. Während gleichzeitig die globalen Hungerkatastrophen zunehmen und unglaubliche 30-40% der weltweiten Lebensmittelproduktion nicht beim Verbraucher ankommen (Umweltschutzorganisation WWF, Umweltbundesamt).

Die negativen Auswirkungen meiner durchgetakteten globalen Leistungsgesellschaft sind mir vage bewusst. Ich verbrauche unglaubliche Mengen an Zeit, Kompetenz und wirtschaftlicher Leistung, um die negativen Auswirkungen der fortschreitenden Entmenschlichung des Schneller/Höher/Weiter zu bekämpfen. „Leistung lohnt sich“, eine grandiose Lüge.

Wenn ich nur darüber nachdenke, jedem Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen zukommen zu lassen, wird mein aktuell falsches System in seinen Grundannahmen infrage gestellt. Und die Wenigen, denen das System nutzt, die die Geschichte erzählen, dass jede*r es schaffen kann, vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, wehren sich erbittert gegen Veränderungen.  Der bewusst lancierte Mythos vom notwendigen Konkurrenzkampf, der naturgegeben ist – Charles Darwin und Herbert Spencer wären entsetzt, wozu ihre Erkenntnisse missbraucht werden – versperrt mir den ernüchternden Blick auf die Tatsache, dass wir uns, trotz allem vorgeblichen Fortschritt, immer noch in unseren Hamsterrädern abrackern müssen – jedenfalls die allermeisten.

Dabei sollte es uns allen besser gehen! Das ist doch das Versprechen des Systems, in dem ich lebe!

Ich tue nicht, was vernünftig wäre: In Allgemeinbildung zu investieren, die es mir ermöglichen würde, die mich umgebenden falschen und erniedrigenden Zusammenhänge zu durchschauen. Es bestünde dann die reale Gefahr, diesen Wahnsinn ändern zu wollen. Ich würde mich unter Umständen dem alles zerstörenden Konsumwahnsinn entziehen wollen. Aber daran kann das System, kann ein Jeff Bezos kein Interesse haben.

In dem Begriff „Neoliberalismus“ steckt also doppelter Fehler. Es ist ganz und gar nichts Neues an dem alten Prinzip: Der Stärkere gewinnt! Und zweitens: Von Freiheit keine Spur!

Wenn ich darüber unglücklich oder gar krank werde, dann kann ich mich mit diversen Lebensratgebern versorgen. Dieser Markt der Achtsamkeitsindustrie, der Lifestyle-Coaches ist gigantisch und wächst und wächst. Die Ratgebenden erklären mir, was ich falsch mache. Sie erklären mir nicht, dass das System fragwürdig ist und mich kaputtmacht.

Bin ich in diesem System machtlos? Schließlich habe ich dieses System selbst geschaffen. Ich will es doch so, oder?

Wenn ich nun gar nicht mehr funktionieren will oder kann, dann stehen weitere Legionen von Expert*innen bereit. Eine therapeutische Industrie von Körper- und Psychotherapeuten und Heilpraktiker*innen wird sich aufopferungsvoll, wenn auch nicht umsonst, um mein kaputtes Selbst bemühen. Horst-Eberhard Richter hat in seinem Buch „Der Gotteskomplex“ – „Die Krankheit, nicht leiden zu können“ einen ausführlichen Abschnitt gewidmet. (Richter, 1979).

Das kranke Selbst kann dabei vielgestaltige Beschwerden verursachen: im Kopf, im Herzen, auch gerne im Rücken. Mein Körper ist die Projektionsfläche meiner unerfüllten Wünsche, meiner Traumatisierung. Dass es mir nicht gut geht, so wird mir erklärt, liegt an meiner unglücklichen Kindheit und Jugend. Wenn ich nur lange genug nachdenke und mich analysieren lasse, dann werde ich einen Weg finden, die aktuell beschissene Lage als angenehm und lebenswert zu empfinden. Es geht nicht um den Logos (die Welt, wie sie ist), sondern um den Mythos (denk dir die Welt schön). Da ist sie wieder – die gefühlte Wirklichkeit.

Ich bin meinen inneren Plänen und Programmierungen ausgeliefert, wie dem Instinkt, mich zu vermehren. Dem Imperativ der Evolution entkomme ich nicht. Das evolutionäre Regulativ der periodischen Paarungsbereitschaft ist beim Homo sapiens sapiens ausgesetzt, ich kann und will immer. Eigentlich habe ich zu wenig Planet für zu viel Mensch. Und es gibt den Mythos des heiligen, unantastbaren Lebens. Entgegen aller traurigen Realitäten von Krieg und Gewalt, wird unablässig gefordert, das Leben zu schützen, auch das ungeborene.

Sollte ich nicht damit beginnen, zunächst vor dem bereits existierenden Leben (und nicht nur dem menschlichen) uneingeschränkte Achtung zu haben?

Der unbedingte Schutz der ungestörten Empfängnis und des ungeborenen Lebens ist der Heilige Krieg der katholischen Kirche und evangelikalen Bewegungen. Auf das Recht der Selbstbestimmung von Frauen kann keine Rücksicht genommen werden (Berlin Institut, 2019). Das konservative Rollenverständnis ist klar. Die Frau steht am Herd, der Mann geht zur Arbeit. So ist das von Gott gewollt. Sexualerziehung ist bei den Populisten, den Ultrakonservativen, verpönt.

Inwieweit ein Kind und seine Familie nach der Geburt eine Umwelt vorfinden, in der es sich lebenswert leben läßt oder ob der Mensch sich im zunehmenden Konkurrenzkampf mit seinen Mitmenschen befindet, ist in dieser Betrachtung nicht vorgesehen. An dieser Stelle greift dann der Mythos von der zukünftigen Welt, dem Paradies. Das Narrativ lautet: Wir leben nicht für das Diesseits, sondern für das paradiesische Jenseits.

Glauben beschränkt sich aber nicht nur auf die Religion. Im Wesentlichen bin ich ein Glaubenswesen, kein Wissenswesen. Fakten, die mir angenehm sind, die meine Meinung unterstützen, nehme ich bevorzugt wahr. (Confirmation Bias). Und wenn ich Glauben mit Wissen verwechsle, dann habe ich ein ernstes und zunehmendes Problem.

Die globalen Probleme werden nicht weniger, wenn ich nicht an sie glaube.

Dem Klimawandel oder dem Corona-Virus ist es völlig egal, ob ich daran glaube. Gegen die wachsenden und existenzbedrohenden Probleme meines Heimatplaneten helfen nur vertieftes Wissen und Forschen, gefolgt von konsequentem Handeln. Beides liegt mir fern.

Wenn ich die düsteren wissenschaftlichen Prognosen über den Klimawandel leugne (EIKE Institut) (Donald Trump, 2026) und die seriösen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen als Panikmacher diskreditiere, erweise ich den nachfolgenden Generationen keinen Dienst.

In Kapitel II geht es um die Wissentschaft.

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